Nachrichten vom Heiligen Stuhl


Christus Rex Information Service


2. September 1996


KATHPRESS - Montag 2. September 1996 - Nachrichten

Mariazell wird keine "Beschwichtigungsaktion"

Utl: Pressekonferenz in Wien zur Vorstellung der "Wallfahrt 
der Vielfalt" - eine Wallfahrt, die "nichts mit Essen, Trinken und 
lustiger Stimmung zu tun hat" = 

Wien, 2.9.96 (KAP) Die am Wochenende stattfindende "Wallfahrt der 
Vielfalt" wird keine "riesenhafte Beschwichtigungsaktion" werden. 
Wie der Leiter Pastoralkommission Österreichs (PKÖ), 
Msgr. Dr. Alois Schwarz, bei einer Pressekonferenz am Montag in 
Wien betonte, werden die bei den Regionalveranstaltungen 
("Stationes") erarbeiteten Ideen Wirkung zeigen. Das Material zu 
Themen des Glaubens, der Politik, der Wirtschaft, der Familie, der 
Frauenemanzipation usw. wird den Bischöfen übergeben und 
bei der Herbstvollversammlung der Österreichischen 
Bischofskonferenz im November Thema sein. Die Ideen aus den 
Regionalveranstaltungen, aber auch die "Bestandsaufnahme" der der 
"Wallfahrt der Vielfalt" vorgeschalteten Fachtagung der 
Bischofskonferenz in Gösing sollen in einen "Grundtext" 
einfließen, der Diskussionsbasis für einen Hirtenbrief 
der österreichischen katholischen Bischöfe zur 
Jahrtausendwende sein könnte. Wie bei der Pressekonferenz 
betont wurde, wird von den österreichischen Bischöfen 
erwartet, daß sie sich nach dem Abschluß der 
Gösinger Tagung am Samstagmittag und dem ersten Gottesdienst 
im Rahmen der "Wallfahrt der Vielfalt" am Samstagabend bei den 
diversen Regionalveranstaltungen als "Mitdiskutanten" einbringen. 

    Bei der Pressekonferenz in Wien präsentierten zwölf 
Verantwortliche für Regionalveranstaltungen ("Stationes") 
ihre Foren. Die Kombination von Diskussion und Gespräch mit 
einer Wallfahrt sei im Grunde für Österreich etwas Neues 
und Ungewohntes, charakterisierte Dr. Harald Baloch, ein enger 
Mitarbeiter von Diözesanbischof Johann Weber, das Novum an 
der "Wallfahrt der Vielfalt": "In Österreich wird 'Wallfahrt' 
ja sonst eher so wie in den Canterbury Tales verstanden: mit 
Essen, Trinken, lustiger Stimmung" Baloch leitet eine der 
brisantesten Regionalveranstaltungen ("Konflikt und Kommunikation 
in der Kirche", Pfarre Mürzzuschlag, 7. September, 11 Uhr) 
weil dabei versucht werden soll, vorhandene "Verdrängungen" 
in der Kirche zu orten. Der von Baloch als "einer der wenigen 
intellektuellen katholischen Konservativen" charakterisierte 
Mürzzuschlager Pfarrer Dr. Peter Schleicher stellt sich dabei 
den harten Anfragen des Wiener Ex-Priesters und Psychotherapeuten 
Dr. Richard Picker. 

Ein Highlight dürfte die Regionalveranstaltung 
"Stolpersteine" am Samstag, 14 Uhr, in der Jugendherberge Annaberg 
werden. Die Bischöfe Dr. Christoph Schönborn und Dr. 
Egon Kapellari stellen sich dort unter anderem der Kirchen-
Volksbegehrens-Aktivistin Dr. Martha Heizer. "Was für die 
einen ein Stolperstein ist, kann für die anderen ein 
Stück Fundament sein", charaktierisierte Organisator Thomas 
Bäckenberger von der Katholischen Jugend Steiermark bei der 
Pressekonferenz die zu erwartenden Differenzen. 

    Als Publikumsmagnet erweist sich das Forum "Kirche gefragt - 
Bischöfe im Dialog zu Themen der Zeit" am Samstag, 14 Uhr, im 
Kultursaal Mariazell. Der Saal dürfte dem Ansturm - bisher 
230 Anmeldungen - kaum standhalten. "Wir wollen zeigen, daß 
Kirche kein Selbstzweck ist", so der Organisator, der 
Chefredakteur der Kooperationsredaktion der 
westösterreichischen Kirchenzeitungen, Hans Baumgartner. Die 
Bischöfe Maximilian Aichern, Dr. Reinhold Stecher und Richard 
Weberberger (Barreiras/Brasilien) werden mit Fragen von 
Politikern, Gewerkschaftlern und Journalisten konfrontiert. Themen 
sind Solidarität, Öffentlichkeit und Gerechtigkeit. 

    Als ein "streitbares Forum" stellte die Präsidentin der 
Katholischen Aktion Österreichs (KAÖ), Mag. Eva Petrik, 
die KAÖ-Regionalveranstaltung "Kirche und Macht" (Aflenz, 
Festssal, Samstag 14.30 Uhr) vor. "Star" des nachmittags wird der 
Basler Bischof Kurt Koch sein. Das Schlußwort hält 
Bischof Weber. Wie Macht erlebt bzw. ausgeübt wird, 
darüber berichten die Ordensfrau Dr. Elisabeth 
Göttlicher, die Krankenhausseelsorgerin Mag. Isabella Ehart 
und der steirische Politiker und jetzige Präsident des 
Österreichischen Entwicklungsdienstes (ÖED), Hofrat DI 
Hermann Schaller. 

zwt: Brisanz und Frömmigkeit 

"Brisante gesellschaftspolitische Fragen" sollen - so 
Präsident Dr. Johannes Martinek von der "Arbeitsgemeinschaft 
Katholischer Verbände" (AKV) - beim Forum "Jugend nach 2000 - 
Berufsbild und Lebensbild" behandelt werden. Die  Veranstaltung im 
Gußwerker Volksheim geht über zwei Tage; Beginn ist 
Freitag  15 Uhr. Bischof Dr. Paul Iby, der Theologe Dr. Christian 
Friesl,  ÖAAB-Generalsekretär Mag. Walter Tancsits, 
Nationalbanks-Vize Dkfm. Rudolf  Klier und "Academia"-
Chefredakteur Gerald Freihofner behandeln die Themen  Berufsbild-
Wandel, Arbeitsbewertung und Wertewandel. 

   Die Wirtschafts- und Sozialpolitik kommen auch in Gloggnitz 
("Kirche und  Arbeitswelt", Samstag, 14 Uhr, Pfarrsaal) und Stift 
Lilienfeld ("Formen von  Armut in Österreich", Samstag, 14 
Uhr) zur Sprache. Joseph Lohmann von der  Katholischen 
Arbeitnehmerbewegung Österreichs (KABÖ): "Gloggnitz als  
gewählter Veranstaltungsort soll auch an die regionale Krise 
erinnern. Die  'Semperit'-Ereignisse haben bis dorthin 
Auswirkungen. Die Zahl der  Arbeitslosen steigt, die Stimmung ist 
resignativ. Wir müssen uns fragen:  Welche Antworten haben 
wir als Kirche?" 

   Frauenthemen sind die Regionalveranstaltungen in Scheibbs und 
in  Mariazell-Walstern gewidmet. Margarete Artner von der 
Katholischen  Frauenbewegung Österreichs (KFBÖ) betonte, 
das der Scheibbser Nachmittag ("Ansehen und Würde der Frau", 
Samstag, 15 Uhr, Pfarrsaal) bewußt  unspektakulär sein 
soll. Auch eine Frauenliturgie ist geplant. In Walstern  hingegen 
wird "theologisiert", und zwar über das Frauendiakonat. Der 
Linzer Dogmatiker Prof. Dr. Jozef Niewiadomski hält das 
Impulsreferat; Bischof  Aichern ist am Schluß dabei und 
hält einen Wortgottesdienst. 

    Bei den Regionalveranstaltungen werden sich aber auch die 
Mitglieder der  "Movimenti", der kirchlichen 
Erneuerungsbewegungen, einbringen. Ihr  Ansatzpunkt ist weniger 
politisch und mehr auf Glaubensvertiefung zielend, so etwa bei den 
aus Frankreich stammenden Gemeinschaften "Emmanuel" und  
"Beatitudes" Sie machen beim Forum "Geschwisterliche Kirche" am 
Samstag,  13.30 Uhr, im Salvatorheim Mariazell mit. Der den 
Salesianern Don Boscos  anvertraute Nachmittag wird viele Kreativ-
Elemente aufweisen: eine  Töpferwerkstatt, Musikworkshop, 
Theaterworkshop und anderes, so  Salesianerpater Siegfried Kettner 
bei der Pressekonferenz. 

    Auch beim St. Pöltner "Familienforum" mit Bischof Dr. 
Klaus Küng  (Bildungshaus St. Hippolyt, Samstag, 10 Uhr), 
werden die Mitglieder der  "Movimenti" nicht fehlen, kündigte 
Direktor Günter Danhel vom kirchlichen  Institut für Ehe 
und Familie an. "Es gibt in der 'Familienszene' zwei  Richtungen: 
die einen sind stark gesellschaftspolitisch orientiert, die  
anderen stark spirituell. Die sollen ins Gespräch gebracht 
werden. Ich bin mir bewußt, daß wir da ein 
innerkirchliches Minenfeld betreten, was etwa Fragen der 
Empfängnisregelung usw. betrifft," so Danhel. 

zwt: Auch ein Alternativforum zu Gösing 

Nicht erschienen waren bei der Pressekonferenz die Vertreter der 
Katholischen Jugend, die in Kapfenberg ein - so die 
Eigendefinition  "Alternativ-Expertengespräch" zu Gösing 
abhalten will ("Jugend und Kirche",  Kulturzentrum, Beginn Freitag 
20 Uhr). Abgesagt wurde eine geplante "Statio"  der Katholischen 
Jungschar, weil zu wenige Anmeldungen eintrafen. 

    Wallfahrts-Organisationschef Andreas Gjecaj schätzt die 
Gesamtzahl der  Zeilnehmer an den Regionalveranstaltungen auf 
1.500 bis 1.800. "Wir haben von Anfang an keine 
Großveranstaltungen mit Zehntausender-Teilnehmerzahlen im  
Auge gehabt. Es soll eine Atmospäre da sein, die 
Gespräch und  Auseindersetzung zuläßt." 

    Aus dem vielen "Säuseln", das an den zwölf 
verschiedenen Orten vernehmbar wird, "soll ein Sturm werden", 
meinte Mag. Petrik abschließend. Die  KAÖ-
Präsidentin warnte vor vorschnellen Bewertungen der 
"Wallfahrt der  Vielfalt". Was sie sich erhoffe, sei die 
Überwindung von Resignation und  Ungeduld, aber auch der 
Versuchung, "immer nur das eigene Süppchen zu  kochen." 


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