Arafat griff unterdessen die israelische Seite wegen ihrer Hinhaltetaktik bei den Gesprächen über den Truppenabzug aus Hebron scharf an und widersprach Berichten über Fortschritte bei den Verhandlungen. Dabei schlug er die Stationierung amerikanischer Truppen in Hebron als Sicherheitsgarantie für die dort unter 100 000 Palästinensern lebenden 450 jüdischen Siedler vor. "Die israelische Seite wiederholt jeden Tag: Sicherheit, Sicherheit, Sicherheit. Okay, warum sollen wir nicht eine internationale Präsenz mit Beteiligung der amerikanischen Armee verlangen", sagte Arafat.
Hussein und der palästinensische Präsident hatten am Montag in Amman Gespräche über den stockenden Friedensprozeß mit Israel geführt. Gestern entschloß sich der Monarch überraschend, Arafat mit seinem Hubschrauber persönlich nach Jericho zu fliegen. Dies wurde von palästinensischer Seite als ein Zeichen der Unterstützung gewertet. "Es bedeutet, daß Jordanien die palästinensische Haltung unterstützt. Wir können eine gemeinsame Zukunft beider Völker bauen. Es wird uns helfen, die Vereinbarungen mit der anderen Seite zu verwirklichen", sagte der palästinensische Erziehungsminister Jassir Amr. König Hussein erklärte: "Ich bin glücklich, auf palästinensischem Land zu stehen."
Palästinensische und israelische Unterhändler unterbrachen gestern ihre offiziellen Verhandlungen über Hebron, nachdem der US-Vermittler Dennis Ross erklärt hatte, daß zum jetzigen Zeitpunkt informelle Kontakte größere Erfolgsaussichten böten. Die Verhandlungen haben inzwischen einen sensiblen Punkt erreicht. Medienberichte, wonach ein Treffen zwischen Arafat und dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu bevorstehe, wurden dementiert. Ross pendelte zwischen Arafat und Netanjahu hin und her. Ein amerikanisches Delegationsmitglied sprach von Fortschritten, "ernste Probleme" bestünden jedoch weiterhin. Der israelische Außenminister David Levi hatte zuvor vor dem Parlament erklärt, eine Einigung über den Abzug aus Hebron werde innerhalb weniger Tage erwartet.
Moskau - Das glänzende Schwert mag der junge Ritter gar nicht in die Hand nehmen, so frostig weht der Wind auf dem Marktplatz von Tula. Neben ihm zittern drei Standartenträger um die Wette, das Antlitz des Herrn vor sich hertragend. Die russische Provinzstadt Tula - drei Autostunden von Moskau entfernt - feiert ihren 850. Geburtstag.
In der Stadt werden nicht nur Waffen geschmiedet - 1632 nahm hier die erste Gewehrfabrik Rußlands ihre Arbeit auf -, sondern auch Bündnisse. Zwei Generäle haben sich vereint, die man vor drei Monaten noch für erbitterte Feinde gehalten hatte. General a. D. Alexander Lebed und Generalleutnant Alexander Korschakow stehen beim Stadtfest gemeinsam auf der Bühne. Der populäre Fallschirmspringer - Ehrenbürger von Tula, wo er in der Luftlandeeinheit diente - ist mit dem ehemaligen Chefleibwächter des russischen Präsidenten Boris Jelzin eine Liaison eingegangen. Lebed will Korschakow helfen, ein Mandat in der Staatsduma zu erringen. Das hatte bisher Lebed als Parlamentarier aus Tula inne, gab er aber wegen seiner Arbeit als Sekretär des Sicherheitsrates ab. 5000 Unterschriften braucht Korschakow zur Registrierung, Lebed hat für ihn schon ein Unterstützungskomitee gegründet.
Ungleicher könnte ein Paar kaum sein: der eine beliebt, unbestechlich, nach allen Umfragen der vertrauenswürdigste Politiker in Rußland; der andere im Ruch, korrupt zu sein, eine odiose Figur, die sich, so meinen viele, rücksichtslos bereichert hat. Hilft der Kämpfer gegen Korruption dem Kremlgardisten, durch den Parlamentssitz Immunität und damit Schutz vor einer möglichen Anklage zu erlangen? Während Lebed warmer Applaus begleitet, als er sich unters Volk mischt, trifft Korschakow auf Ablehnung. "Ich bekomme meine Rente nicht ausbezahlt, dabei habe ich mein ganzes Leben geschuftet", herrscht ihn eine Alte an. Korschakow geht ungerührt weiter. Er erinnert sich wohl an den Wahlkampf mit Jelzin, als er in solchen Fällen das Bündel mit Hunderttausendern herausziehen mußte, um das Wahlvolk auf die Seite des Präsidenten zu ziehen.
Der politische Herbst in Rußland ist heißer als erwartet. Nicht mehr nur die Bergarbeiter, auch Lehrer, Künstler und Professoren gehen auf die Straße, um ihre ausstehenden Löhne lauthals einzufordern. 36,5 Billionen Rubel, umgerechnet 10,5 Milliarden Mark, schulden die russischen Unternehmen ihren Beschäftigten, der Staat steht bei seinen Dienern mit rund zwei Milliarden Mark und bei den Pensionären gar mit dem doppelten Betrag in der Kreide.
Zu dem wirtschaftlichen Fiasko kommt ein politischer Skandal ans Licht, bei dem in jedem anderen Land der Welt der Staatschef um sein Amt zittern müßte. Es geht um die Wahlkampffinanzierung von Boris Jelzin, um schwarze Kassen, oder, wenn man so will, um ein "Kremlgate". Dabei werfen sich die Mannschaft um Korschakow - sie hatte vor der Wahl im Kreml das Sagen - und das neue Kreml-Team um Stabschef Anatoli Tschubais von versuchter Erpressung bis zur Anstiftung zum Mord so ziemlich alles vor. Da taucht, nach einem Attentat wiedergenesen, ein gewisser Boris Fjodorow auf und beschuldigt Korschakow, ihn in den Kreml gerufen und um 40 Millionen Dollar erpreßt zu haben. Der frühere Chef des Nationalen Sportfonds, eines zwielichtigen Firmennetzes, dem Jelzin das Monopol auf die zollfreie Einfuhr von Spirituosen und Zigaretten zugestand und das damit Milliarden Dollar verdiente, zeigte den Bodyguard Nummer eins beim Generalstaatsanwalt an. Fjodorow gilt als Vertrauter von Anatoli Tschubais, der nach dem Rauswurf von Korschakow und der Krankheit des Präsidenten im Kreml die Fäden fest in der Hand hält.
Korschakow beruft eine Pressekonferenz ein - die erste in seinem Leben - und schlägt zurück. Der 46jährige droht mit Geheimdokumenten, die er aus dem Kreml mitnahm. "Ich war elf Jahre bei Boris Nikolajewitsch, da habe ich viel gesehen und gehört", deutet er an. Frontal geht Korschakow zwei einflußreiche Manager Rußlands an, die maßgeblich den Wahlkampf Jelzins finanziert haben sollen: "Boris Beresowski und Wladimir Gusinski haben mich zum Abschuß freigegeben", beschuldigte Korschakow die beiden.
Gusinski gilt als Vertrauter des umtriebigen Moskauer Bürgermeisters Juri Luschkow und ist Chef der Immobilien- und Finanzgruppe "Most" mit diversen Beteiligungen bei Medienunternehmen; Beresowski gilt als Jelzin-Förderer und ist Leiter der Autohandelskette "LogoWAS", hat Anteile an Banken, Ölfirmen und dem Fernsehen. Beide sind unter den Top 10 der Wirtschaftskapitäne des Landes. Beide haben, heißt es, bei einem Treffen am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos im Februar beschlossen, ihre Dollars auf Jelzin zu setzen. Nach dem Deal erhob sich eine gewaltige Werbe- und Medienkampagne, Jelzin besiegte seinen kommunistischen Herausforderer Gennadi Sjuganow um Längen. Und das, obwohl er drei Tage vor der Stichwahl am 3. Juli mit einem "Mikroinfarkt" zusammengeklappt war.
Die Dollarmillionen der beiden Sponsoren tauchen im Wahlkampfetat des Präsidenten allerdings nirgendwo auf. Nach offiziellen Angaben der Zentralen Wahlkommission will Jelzin gerade einmal 4,57 Millionen Mark für den Wahlkampf ausgegeben haben - gegenüber vier Millionen für Lebed und 3,14 Millionen für Sjuganow. Besonders die Jelzin-Summe wird von Experten in Zweifel gezogen, tingelten doch für ihn wochenlang russische Popstars durchs Land und liefen seine Wahlclips im Fernsehen rauf und runter. Zudem heckte ein amerikanisches Expertenteam zusammen mit der Jelzin-Tochter Tatjana über Monate die Wahlkampfstrategie aus.
Durch die neue Finanzquelle der beiden Mäzene verlor Chefleibwächter Korschakow an Einfluß. Davor hatte er Insidern zufolge über den Nationalen Sportfonds und die staatliche Waffenexport-Firma "Roswooruschenije" die nötigen Scheine für Jelzins Wiederwahl gesammelt. Die 40 Millionen Dollar, die er angeblich von Fjodorow forderte, sollten informierten Kreisen zufolge in den Wahlkampftopf Jelzins fließen. "Die Ex-Lieblinge und die aktuellen Günstlinge des Präsidenten prügeln aufeinander ein, für eine friedliche Lösung gibt es keine Chance", meint die Zeitung "Komsomolskaja Prawda".
Die "unheilige Allianz" von Lebed und Korschakow wird als Versuch des populären Generals gewertet, entweder Geldquellen für einen baldigen Wahlkampf zu erschließen oder kompromittierendes Material über seine Feinde im Kreml, von Tschubais über Premier Wiktor Tschernomyrdin, zusammenzubekommen. "Da geht es zu, als sei Jelzin schon unter der Erde", so ein westlicher Diplomat.
Das tat er schon, zumindest in der Zeitung "Wetscherni Nowosibirsk". "Präsident Boris Jelzin ist plötzlich verstorben", meldete das Blatt vor einer Woche aufgeregt und berief sich auf Quellen aus der Hauptstadt. Sogar die Börse in New York reagierte am späten Freitag auf den angeblichen Tod des Präsidenten mit Kursschwankungen bei den Währungen.
Dabei bereitet sich der herzkranke Präsident in aller Ruhe in seinem Sanatorium in Barwicha auf die Bypass-Operation vor. Renat Aktschurin, als Chefchirurg auserkoren, schaut zur Zeit seinen Kollegen im texanischen Houston über die Schulter, um sich die neuesten Kniffe anzueignen.