Herausgeber:
Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz
Kaiserstraße 163, 53113 Bonn
Euch, Frauen der ganzen Welt,
gilt mein herzlicher Gruß!
1. An jede von euch richte ich als Zeichen der Teilnahme und Dankbarkeit
diesen Brief, während die IV. Weltfrauenkonferenz näherrückt,
die im September dieses Jahres in Peking abgehalten wird.
Ich möchte vor allem der Organisation der Vereinten Nationen gegenüber
meine Hochachtung dafür zum Ausdruck bringen, daß sie eine Initiative
von so großer Bedeutung angeregt hat. Auch die Kirche will ihren
Beitrag zur Verteidigung der Würde, der Rolle und der Rechte der Frauen
anbieten, und das nicht allein durch die besondere Mitwirkung der offiziellen
Delegation des Heiligen Stuhls an den Arbeiten in Peking, sondern auch
dadurch, daß sie Herz und Verstand aller Frauen direkt anspricht.
Als mir die Generalsekretärin der Konferenz, Frau Gertrude Mongella,
angesichts dieses wichtigen Treffens unlängst einen Besuch abstattete,
habe ich ihr eine Botschaft überreicht, in der einige grundlegende
Punkte der diesbezüglichen Lehre der Kirche zusammengestellt sind.
Es ist eine Botschaft, die sich über den besonderen Anlaß hinaus,
der die Anregung dazu gab, einem allgemeineren Ausblick auf die tatsächliche
Lage und die Probleme der Frauen in ihrer Gesamtheit öffnet und sich
in den Dienst ihrer Sache in der Kirche und in der Welt von heute stellt.
Ich habe daher veranlaßt, daß sie allen Bischofskonferenzen
zugeleitet werde, um ihre größtmögliche Verbreitung sicherzustellen.
Indem ich auf das zurückgreife, was ich in jenem Dokument schrieb,
möchte ich mich nun direkt an jede Frau wenden, um mit ihr über
die Probleme und Aussichten der Situation der Frau in unserer Zeit nachzudenken,
wobei ich im besonderen bei dem wesentlichen Thema Würde und Rechte
der Frauen im Lichte des Wortes Gottes verweilen will.
Ausgangspunkt für diesen gedanklichen Dialog muß der Dank
sein. Die Kirche - so schrieb ich in dem Apostolischen Schreiben Mulieris
dignitatem - "möchte der Heiligsten Dreifaltigkeit Dank sagen für
das ,Geheimnis der Frau' und für jede Frau, für das, was das
ewige Maß ihrer weiblichen Würde ausmacht, für ,Gottes
große Taten', die im Verlauf der Generationen von Menschen in ihr
und durch sie geschehen sind" ( Nr. 31).
2. Der Dank an den Herrn für seinen Plan bezüglich der Berufung
und Sendung der Frau in der Welt wird auch zu einem konkreten und unmittelbaren
Dank an die Frauen, an jede Frau, für das, was sie im Leben der Menschheit
darstellt.
Dank sei dir, Frau als Mutter, die du dich in der Freude und im Schmerz
einer einzigartigen Erfahrung zum Mutterschoß des Menschen machst,
die du für das Kind, das zur Welt kommt, zum Lächeln Gottes wirst,
die du seine ersten Schritte lenkst, es bei seinem Heranwachsen betreust
und zum Bezugspunkt auf seinem weiteren Lebensweg wirst.
Dank sei dir, Frau als Braut, die du dein Schicksal unwiderruflich an
das eines Mannes bindest, in einer Beziehung gegenseitiger Hingabe im Dienst
an der Gemeinsamkeit und am Leben.
Dank sei dir, Frau als Tochter und Frau als Schwester, die du in die
engere Familie und dann in das gesamte Leben der Gesellschaft den Reichtum
deiner Sensibilität, deiner intuitiven Wahrnehmung, deiner Selbstlosigkeit
und deiner Beständigkeit einbringst.
Dank sei dir, berufstätige Frau, die du dich in allen Bereichen
des sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen, künstlerischen und politischen
Lebens engagierst, für deinen unverzichtbaren Beitrag zum Aufbau einer
Kultur, die Vernunft und Gefühl zu verbinden vermag, zu einem Verständnis
vom Leben, das stets offen ist für den Sinn des "Geheimnisses", zur
Errichtung wirtschaftlicher und politischer Strukturen, die mehr Menschlichkeit
aufweisen.
Dank sei dir, Frau im Ordensstand, die du dich nach dem Vorbild der
größten aller Frauen, der Mutter Christi, des fleischgewordenen
Wortes, in Fügsamkeit und Treue der Gottesliebe öffnest und so
der Kirche und der ganzen Menschheit hilfst, Gott gegenüber eine "bräutliche"
Antwort zu leben, die auf wunderbare Weise Ausdruck der Gemeinschaft ist,
die er zu seinem Geschöpf herstellen will.
Dank sei dir, Frau, dafür, daß du Frau bist! Durch die deinem
Wesen als Frau eigene Wahrnehmungsfähigkeit bereicherst du das Verständnis
der Welt und trägst zur vollen Wahrheit der menschlichen Beziehungen
bei.
3. Aber mit dem Dank ist es nicht getan, das weiß ich. Wir sind
leider Erben einer Geschichte enormer Konditionierungen, die zu allen Zeiten
und an jedem Ort den Weg der Frau erschwert haben, die in ihrer Würde
verkannt, in ihren Vorzügen entstellt, oft ausgegrenzt und sogar versklavt
wurde. Das hat sie daran gehindert, wirklich sie selbst zu sein, und hat
die ganze Menschheit um echte geistige Reichtümer gebracht. Es wäre
sicher nicht leicht, klare Schuldzuweisungen vorzunehmen, wenn man an die
Macht der kulturellen Ablagerungen denkt, die im Laufe der Jahrhunderte
Denkweisen und Institutionen geformt haben. Aber wenn es dabei, besonders
im Rahmen bestimmter geschichtlicher Kontexte, auch bei zahlreichen Söhnen
der Kirche zu Fällen objektiver Schuld gekommen ist, bedauere ich
das aufrichtig. Dieses Bedauern übertrage sich auf die ganze Kirche
in einem Bemühen um erneuerte Treue zu der Inspiration aus dem Evangelium,
das gerade zu dem Thema von der Befreiung der Frauen von jeder Form von
Mißbrauch und Vorherrschaft eine Botschaft von unvergänglicher
Aktualität bereithält, die der Haltung Christi selbst entspringt.
Indem er sich über die in der Kultur seiner Zeit geltenden Vorschriften
hinwegsetzte, nahm er den Frauen gegenüber eine Haltung der Öffnung,
der Achtung, der Annahme und der Zuneigung an. Auf diese Weise ehrte er
in der Frau die Würde, die sie seit jeher im Plan und in der Liebe
Gottes besitzt. Wenn wir am Ende dieses zweiten Jahrtausends auf ihn blicken,
stellt sich uns unwillkürlich die Frage: Wieviel von seiner Botschaft
ist angenommen und verwirklicht worden?
Jawohl, es ist Zeit, mit dem Mut zur Erinnerung und mit dem offenen
Eingeständnis der Verantwortung auf die lange Geschichte der Menschheit
zu blicken, zu der die Frauen, und zumeist unter viel ungünstigeren
Bedingungen, einen Beitrag geleistet haben, der dem der Männer nicht
nachsteht. Ich denke im besonderen an die Frauen, die die Kultur und die
Kunst geliebt und sich ihnen gewidmet haben, obwohl sie von der Ausgangslage
her benachteiligt, oft von einer gleichwertigen Erziehung ausgeschlossen,
der Unterbewertung, Verkennung und sogar Aberkennung ihres intellektuellen
Beitrags ausgesetzt waren. Von dem vielfältigen Wirken der Frauen
in der Geschichte hat sich leider mit den Mitteln der wissenschaftlichen
Geschichtsschreibung sehr wenig feststellen lassen. Zum Glück kann
man allerdings, auch wenn die Zeit die belegbaren Spuren dieses Wirkens
zugedeckt hat, seines heilsamen Einfließens in den Lebenssaft gewahr
werden, der das Sein der einander ablösenden Generationen bis herauf
zu uns ausmacht. Hinsichtlich dieser großen, ungeheuren "Überlieferung"
durch die Frauen hat die Menschheit eine unermeßliche Schuld. Wie
viele Frauen wurden und werden noch immer mehr nach dem physischen Aussehen
bewertet als nach ihrer Sachkenntnis, ihrer beruflichen Leistung, nach
den Werken ihrer Intelligenz, nach dem Reichtum ihrer Sensibilität
und schließlich nach der ihrem Sein und Wesen eigenen Würde!
4. Und was soll man zu den Hindernissen sagen, die in vielen Teilen
der Welt den Frauen noch immer die volle Einbeziehung in das gesellschaftliche,
politische und wirtschaftliche Leben verwehren? Man denke nur daran, wie
das Geschenk der Mutterschaft, dem doch die Menschheit ihr eigenes Überleben
verdankt, oft eher bestraft als belohnt wird. Es ist sicher noch viel zu
tun, damit das Dasein als Frau und Mutter keine Diskriminierung beinhaltet.
Es ist dringend geboten, überall die tatsächliche Gleichheit
der Rechte der menschlichen Person zu erreichen, und das heißt gleichen
Lohn für gleiche Arbeit, Schutz der berufstätigen Mutter, gerechtes
Vorankommen in der Berufslaufbahn, Gleichheit der Eheleute im Familienrecht
und die Anerkennung von allem, was mit den Rechten und Pflichten des Staatsbürgers
in einer Demokratie zusammenhängt.
Es handelt sich um einen Akt der Gerechtigkeit, aber auch um eine Notwendigkeit.
Die anstehenden, sehr ernsten Probleme werden in der Politik der Zukunft
in immer stärkerem Maß die Miteinbeziehung der Frau erleben:
Freizeit, Lebensqualität, Wanderbewegungen, soziale Dienste, Euthanasie,
Drogen, Gesundheitswesen und Fürsorge, Ökologie usw. Für
alle diese Bereiche wird sich eine stärkere soziale Präsenz der
Frau als wertvoll erweisen, denn sie wird dazu beitragen, die Widersprüche
einer Gesellschaft herauszustellen, die auf bloßen Kriterien der
Leistung und Produktivität aufgebaut ist, und sie wird auf eine Neufassung
der Systeme dringen zum großen Vorteil der Humanisierungsprozesse,
in denen sich der Rahmen für die "Zivilisation der Liebe" abzeichnet.
5. Wie könnten wir, wenn wir sodann auf einen der heikelsten Aspekte
der Situation der Frau in der Welt blicken, die lange und erniedrigende
- häufig freilich "untergründige" - Geschichte der im Bereich
der Sexualität gegenüber Frauen verübten Gewalttätigkeiten
unerwähnt lassen? An der Schwelle zum dritten Jahrtausend können
wir diesem Phänomen gegenüber nicht gleichgültig bleiben
und resignieren. Es ist an der Zeit, die Formen sexueller Gewalt, deren
Objekt nicht selten die Frauen sind, nachdrücklich zu verurteilen
und geeignete gesetzliche Mittel zur Verteidigung hervorzubringen. Im Namen
der Achtung der menschlichen Person müssen wir außerdem Anklage
erheben gegen die verbreitete, von Genußsucht und Geschäftsgeist
bestimmte Kultur, die die systematische Ausbeutung der Sexualität
fördert, indem sie auch Mädchen im jungen Alter dazu anhält,
in die Fänge der Korruption zu geraten und sich für die Vermarktung
ihres Körpers herzugeben.
Wieviel Hochachtung verdienen angesichts solcher Entartungen hingegen
die Frauen, die mit heroischer Liebe zu ihrem Kind eine Schwangerschaft
austragen, die durch das Unrecht ihnen gewaltsam aufgezwungener sexueller
Beziehungen zustande gekommen ist; was nicht nur im Rahmen der Greueltaten
vorkommt, die sich leider im Zusammenhang mit den auf der Welt noch immer
so häufigen Kriegen ereignen, sondern auch in Situationen des Wohlstandes
und des Friedens, die oft durch eine Kultur eines hedonistischen Permissivismus
verdorben sind, in dem nur allzu leicht auch Tendenzen eines aggressiven
Männertums gedeihen. Unter solchen Umständen ist die Entscheidung
zur Abtreibung, die freilich immer eine schwere Sünde bleibt, eher
ein Verbrechen, das dem Mann und der Mitwirkung des Umfeldes anzulasten
ist, als eine den Frauen aufzuerlegende Schuld.
6. Mein Dank an die Frauen wird daher zum eindringlichen Appell, von
seiten aller und besonders seitens der Staaten und der internationalen
Institutionen alles Notwendige zu tun, um den Frauen die volle Achtung
ihrer Würde und ihrer Rolle wiederzugeben. In diesem Zusammenhang
kann ich nicht umhin, meine Bewunderung für die Frauen guten Willens
zu bekunden, die sich der Verteidigung der Würde des Standes der Frau
durch die Erringung gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer
Grundrechte gewidmet und diese mutige Initiative zu einer Zeit ergriffen
haben, in der dieser ihr Einsatz als eine Übertretung, als Zeichen
mangelnder Fraulichkeit, als großtuerisches Gehabe, ja als Sünde
angesehen wurde!
Wie ich in der Botschaft zum Weltfriedenstag dieses Jahres mit Blick
auf diesen großartigen Befreiungsprozeß der Frau schrieb, kann
man sagen, "es war ein schwieriger und komplizierter Weg, nicht immer frei
von Irrtümern, aber im wesentlichen ein positiver Weg, auch wenn er
nochp>unvollendet ist auf Grund der vielen Hindernisse, die in verschiedenen
Teilen der Welt im Wege stehen, daß die Frau in ihrer besonderen
Würde anerkannt, geachtet und aufgewertet wird" (Nr. 4).
Es gilt, auf diesem Weg weiterzugehen! Ich bin jedoch überzeugt,
daß das Geheimnis, um rasch den Weg zur vollen Achtung der Identität
der Frau zu Ende zu gehen, nicht nur über die, wenn auch notwendige,
Anprangerung von Verbrechen und Ungerechtigkeiten führt, sondern auch
und vor allem über einen ebenso wirksamen wie wohldurchdachten Förderungsplan,
der alle Bereiche des Lebens der Frau betrifft, angefangen bei einer erneuerten
und universalen Bewußtmachung der Würde der Frau. Auf die Anerkennung
dieser Würde bringt uns trotz der vielfältigen historischen Konditionierungen
die Vernunft selbst, die das jedem Menschen ins Herz geschriebene Gesetz
Gottes erfaßt. Aber vor allem das Wort Gottes erlaubt uns, mit aller
Klarheit das grundlegende anthropologische Fundament der Würde der
Frau zu erkennen, das wir in Gottes Plan für die Menschheit ausmachen
können.
7. Laßt mich daher, liebe Schwestern, zusammen mit euch noch einmal
über den wunderbaren Bibelabschnitt meditieren, der die Erschaffung
des Menschen schildert und soviel über eure Würde und eure Sendung
in der Welt aussagt.
Das Buch Genesis spricht von der Schöpfung in zusammenfassender
Form und in poetischer und symbolischer, aber zutiefst wahrer Sprache:
"Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf
er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie" (Gen 1,27). Der Schöpfungsakt
Gottes erfolgt nach einem genauen Plan. Zunächst wird gesagt, daß
der Mensch geschaffen wird "als Abbild Gottes, ihm ähnlich" (vgl.
Gen 1,26), eine Formulierung, die sogleich die Besonderheit des Menschen
im gesamten Schöpfungswerk klarstellt.
Dann heißt es, daß er schon am Anfang als "Mann und Frau"
(Gen 1,27) geschaffen wurde. Die Heilige Schrift liefert selber die Auslegung
dieser Angabe: der Mensch, wenngleich umgeben von den zahllosen Geschöpfen
der sichtbaren Welt, wird sich bewußt, daß er allein ist (vgl.
Gen 2,20). Gott greift ein, um ihm aus dieser Lage der Einsamkeit herauszuhelfen:
"Es ist nicht gut, daß der Mensch allein bleibt. Ich will ihm eine
Hilfe machen, die ihm entspricht" (Gen 2,18). Der Erschaffung der Frau
ist also von Anfang an das Prinzip der Hilfe zugeordnet, nicht - man beachte
- einseitige Hilfe, sondern gegenseitige. Die Frau ist die Ergänzung
des Mannes, wie der Mann die Ergänzung der Frau ist: Frau und Mann
ergänzen sich gegenseitig. Die Weiblichkeit verwirklicht das "Menschliche"
ebenso wie die Männlichkeit, aber mit einer andersgearteten und ergänzenden
Ausgestaltung.
Wenn die Genesis von "Hilfe" spricht, bezieht sie sich nicht nur auf
den Bereich des Tuns, sondern auch auf den des Seins. Weiblichkeit und
Männlichkeit ergänzen einander nicht nur unter physischem und
psychischem, sondern unter ontologischem Gesichtspunkt. Nur dank der Dualität
von "männlich" und "weiblich" verwirklicht sich das "Menschliche"
voll.
8. Nachdem er den Menschen als Mann und Frau geschaffen hat, sagt Gott
zu beiden: "Bevölkert die Erde, unterwerft sie euch" (Gen 1,28). Er
verleiht ihnen nicht nur die Fähigkeit zur Fortpflanzung, damit das
Menschengeschlecht in der Zeit fortbesteht, sondern er vertraut ihnen auch
die Erde als Aufgabe an, indem er sie verpflichtet, deren Ressourcen verantwortungsvoll
zu verwalten. Der Mensch ist als vernunftbegabtes und freies Wesen aufgerufen,
das Gesicht der Erde zu verändern. Für diese Aufgabe, die im
wesentlichen Kulturarbeit ist, tragen von Anfang an sowohl der Mann wie
die Frau gleiche Verantwortung. In ihrer bräutlichen und fruchtbaren
Gegenseitigkeit, in ihrer gemeinsamen Aufgabe, die Erde zu beherrschen
und zu unterwerfen, spiegeln die Frau und der Mann nicht eine statische
und nivellierende Gleichheit, aber auch nicht einen abgrundtiefen Unterschied
und unerbittlichen Konflikt wider: ihre natürlichste, dem Plan Gottes
entsprechende Beziehung ist die "Einheit der zwei", das heißt eine
auf Beziehung angelegte "Einheit in der Zweiheit", die einen jeden die
wechselseitige Beziehung zwischen den Personen als ein bereicherndes und
sie mit Verantwortung ausstattendes Geschenk empfinden läßt.
Dieser "Einheit der zwei" wurde von Gott nicht nur das Werk der Fortpflanzung
und das Leben der Familie anvertraut, sondern der eigentliche Aufbau der
Geschichte. Wenn während des internationalen Jahres der Familie, das
1994 abgehalten wurde, die Aufmerksamkeit der Frau als Mutter galt, so
läßt es der Anlaß der Pekinger Konferenz angebracht erscheinen,
erneut den vielfältigen Beitrag bewußt zu machen, den die Frau
für das Leben ganzer Gesellschaften und Nationen leistet. Es ist ein
Beitrag vor allem geistig-kultureller, aber auch gesellschaftlich-politischer
und ökonomischer Natur. Wirklich viel zu verdanken haben dem Beitrag
der Frau die verschiedenen Bereiche der Gesellschaft, die Staaten, die
nationalen Kulturen und, alles in allem, der Fortschritt der ganzen Menschheit!
9. Normalerweise wird der Fortschritt nach wissenschaftlichen und technischen
Kategorien bewertet, und auch unter diesem Gesichtspunkt fehlt der Beitrag
der Frau nicht. Doch das ist nicht die einzige, ja nicht einmal die wichtigste
Dimension des Fortschritts. Wichtiger erscheint die ethisch-soziale Dimension,
die die menschlichen Beziehungen und die Werte des Geistes betrifft: was
diese Dimension betrifft, die sich, angefangen von den Alltagsbeziehungen
zwischen den Personen, besonders innerhalb der Familie, oft ohne alles
Aufsehen, entfaltet, ist die Gesellschaft dem "Genius der Frau" gegenüber
in weiten Teilen Schuldnerin.
In diesem Zusammenhang möchte ich den Frauen einen besonderen Dank
aussprechen, die über die Familie hinaus in den verschiedenen Bereichen
der Erziehungsarbeit tätig sind: in Kindergärten, Schulen, Universitäten,
Fürsorgeeinrichtungen, Pfarreien, Vereinen und Bewegungen. Überall,
wo das Erfordernis einer Bildungs- und Erziehungsarbeit besteht, kann man
die enorme Bereitschaft der Frauen feststellen, sich in den menschlichen
Beziehungen zu verausgaben, besonders für die Schwächsten und
Schutzlosesten. Bei dieser Arbeit verwirklichen sie so etwas wie eine gefühlsmäßige,
kulturelle und geistige Mutterschaft, die wegen ihrer Wirkung auf die Entwicklung
der Person und die Zukunft der Gesellschaft von wahrhaft unschätzbarem
Wert ist. Und wie könnte man hier das Zeugnis so vieler katholischer
Frauen und so vieler weiblicher Ordensgemeinschaften unerwähnt lassen,
die in den verschiedenen Kontinenten insbesondere die Erziehung der Kinder,
Mädchen und Jungen, zu ihrem hauptsächlichen Dienst gemacht haben?
Muß man nicht mit dankbarem Herzen auf all die Frauen blicken, die
an der Front des Gesundheitsdienstes gearbeitet haben und weiter arbeiten,
und das nicht nur im Rahmen oft gut organisierter Gesundheitseinrichtungen,
sondern oft unter sehr mißlichen Umständen, in den ärmsten
Ländern der Welt, und damit ein Zeugnis von Verfügbarkeit geben,
das nicht selten an das Martyrium grenzt?
10. Daher, liebe Schwestern, ist es mein Wunsch, daß mit besonderer
Aufmerksamkeit über das Thema "Genius der Frau" nachgedacht werde,
nicht nur um darin die Züge eines genauen Planes Gottes zu erkennen,
der angenommen und eingehalten werden muß, sondern auch um ihm im
gesamten Leben der Gesellschaft, auch dem kirchlichen, mehr Raum zu geben.
Auf dieses Thema, das ich allerdings schon anläßlich des Marianischen
Jahres aufgegriffen hatte, konnte ich in dem schon erwähnten, 1988
veröffentlichten Apostolischen Schreiben Mulieris dignitatem ausführlich
eingehen. In diesem Jahr wollte ich dann in dem Brief, den ich gewohnterweise
zum Gründonnerstag an die Priester sende, eine gedankliche Verbindung
zu Mulieris dignitatem herstellen, als ich sie einlud, über die wichtige
Rolle nachzudenken, die in ihrem Leben die Frau als Mutter, als Schwester
und als Mitarbeiterin in der Apostolatsarbeit spielt. Das ist eine andere
Dimension - verschieden von der ehelichen, aber gleichfalls wichtig - jener
"Hilfe", die nach der Genesis die Frau dem Mann leisten soll.
Die Kirche sieht in Maria den erhabensten Ausdruck des "Genius der Frau"
und findet in ihr eine Quelle nicht versiegender Inspiration. Maria hat
sich als "Magd des Herrn" bezeichnet (Lk 1,38). Aus Gehorsam gegenüber
dem Wort Gottes hat sie ihre bevorzugte, aber alles andere als leichte
Berufung einer Braut und Mutter der Familie von Nazaret angenommen. Dadurch,
daß sie sich in den Dienst Gottes stellte, stellte sie sich auch
in den Dienst der Menschen: ein Liebesdienst. Dieser Dienst hat es ihr
ermöglicht, in ihrem Leben die Erfahrung einer geheimnisvollen, aber
echten "Herrschaft" zu verwirklichen. Nicht zufällig wird sie als
"Königin des Himmels und der Erde" angerufen. So ruft sie die ganze
Gemeinschaft der Gläubigen an, viele Nationen und Völker rufen
sie als "Königin" an. Ihre "Herrschaft" ist Dienst! Ihr Dienst ist
"Herrschaft"!
So sollte die Autorität sowohl in der Familie wie in der Gesellschaft
und in der Kirche verstanden werden. Das "Herrschen" offenbart die wesentliche
Berufung des Menschen, der geschaffen ist nach dem "Bild" dessen, der Herr
des Himmels und der Erde ist, und dazu berufen, in Christus Gottes Adoptivkind
zu sein. Der Mensch ist auf Erden die einzige "von Gott um ihrer selbst
willen gewollte Kreatur", wie das II. Vatikanische Konzil lehrt, das bezeichnenderweise
hinzufügt, daß der Mensch "sich selbst nur durch die aufrichtige
Hingabe seiner selbst vollkommen finden kann" (Gaudium et spes, 24).
Darin besteht die mütterliche "Herrschaft" Mariens. Da sie mit
ihrem ganzen Sein Hingabe für den Sohn gewesen war, wird sie auch
zur Hingabe für die Söhne und Töchter des ganzen Menschengeschlechts,
indem sie das tiefe Vertrauen dessen weckt, der sich an sie wendet, um
sich auf den schwierigen Pfaden des Lebens zu seiner endgültigen,
transzendenten Bestimmung geleiten zu lassen. Dieses Endziel erreicht ein
jeder über die Etappen seiner Berufung, ein Ziel, das dem zeitlich-irdischen
Einsatz sowohl des Mannes wie der Frau die Richtung weist.
11. Vor diesem Horizont des "Dienstes" - der, wenn er in Freiheit, Gegenseitigkeit
und Liebe erbracht wird, das wahre "Königtum" des Menschen zum Ausdruck
bringt - ist es möglich, ohne nachteilige Folgen für die Frau
auch einen gewissen Rollenunterschied anzunehmen, insofern dieser Unterschied
nicht das Ergebnis willkürlicher Auflagen ist, sondern sich aus der
besonderen Eigenart des Mann- und Frauseins ergibt. Es handelt sich hier
um eine Thematik mit einer spezifischen Anwendung auch auf den innerkirchlichen
Bereich. Wenn Christus - in freier und souveräner Entscheidung, die
im Evangelium und in der ständigen kirchlichen Überlieferung
gut bezeugt ist - nur den Männern die Aufgabe übertragen hat,
durch die Ausübung des Amtspriestertums "Ikone" seines Wesens als
"Hirt" und als "Bräutigam" der Kirche zu sein, so tut das der Rolle
der Frauen keinen Abbruch, wie übrigens auch nicht jener der anderen
Mitglieder der Kirche, die nicht das Priesteramt innehaben, sind doch alle
in gleicher Weise mit der Würde des "gemeinsamen Priestertums" ausgestattet,
das in der Taufe seine Wurzeln hat. Diese Rollenunterscheidungen dürfen
nämlich nicht im Lichte der funktionellen Regelungen der menschlichen
Gesellschaften ausgelegt werden, sondern mit den spezifischen Kriterien
der sakramentalen Ordnung, das heißt jener Ordnung von "Zeichen",
die von Gott frei gewählt wurden, um sein Gegenwärtigsein unter
den Menschen sichtbar zu machen.
Im übrigen kommt gerade im Rahmen dieser Ordnung von Zeichen, wenn
auch außerhalb des sakramentalen Bereiches, dem nach dem erhabenen
Vorbild Mariens gelebten "Frausein" keine geringe Bedeutung zu. Denn im
"Frausein" der gläubigen und ganz besonders der "gottgeweihten" Frau
gibt es eine Art immanentes "Prophetentum" (vgl. Mulieris dignitatem, 29),
einen sehr beschwörenden Symbolismus, man könnte sagen,p>eine
bedeutungsträchtige "Abbildhaftigkeit", die sich in Maria voll verwirklicht
und mit der Absolutheit eines "jungfräulichen" Herzens, um "Braut"
Christi und "Mutter" der Gläubigen zu sein, das Wesen der Kirche als
heilige Gemeinschaft treffend zum Ausdruck bringt. In dieser Sicht "abbildhafter"
gegenseitiger Ergänzung der Rollen des Mannes und der Frau werden
zwei unumgängliche Dimensionen der Kirche besser herausgestellt: das
"marianische" und das "apostolisch-petrinische" Prinzip (vgl. ebd., 27).
Andererseits ist - daran erinnerte ich die Priester in dem erwähnten
Gründonnerstagsbrief dieses Jahres - das Amtspriestertum im Plan Christi
"nicht Ausdruck von Herrschaft, sondern von Dienst" (Nr. 7). Es ist die
dringende Aufgabe der Kirche bei ihrer täglichen Erneuerung im Lichte
des Wortes Gottes, dies immer klarer zu machen, sei es bei der Entwicklung
des Gemeinschaftsgeistes und bei der sorgfältigen Förderung aller
typisch kirchlichen Mittel der Teilnahme, sei es durch die Achtung und
Aufwertung der unzähligen persönlichen und gemeinschaftlichen
Charismen, die der Geist Gottes zum Aufbau der christlichen Gemeinschaft
und zum Dienst an den Menschen weckt.
In diesem weiten Raum des Dienstes hat die Geschichte der Kirche in
diesen zweitausend Jahren trotz vieler Konditionierungen wahrhaftig den
"Genius der Frau" kennengelernt, wenn sie aus ihrer Mitte Frauen von erstrangiger
Größe hervorgehen sah, die in der Zeit ihre tiefe und heilsame
Prägung hinterlassen haben. Ich denke an die lange Reihe von Märtyrerinnen,
von Heiligen, von außergewöhnlichen Mystikerinnen. Ich denke
in besonderer Weise an die heilige Katharina von Siena und die heilige
Theresia von Avila, der Papst Paul VI. seligen Angedenkens den Titel einer
Kirchenlehrerin zugesprochen hat. Und wie wäre hier sodann nicht an
zahlreiche Frauen zu erinnern, die auf Antrieb ihres Glaubens Initiativen
ins Werk gesetzt haben von außerordentlicher sozialer Bedeutung im
Dienst vor allem der Ärmsten? Die Zukunft der Kirche im dritten Jahrtausend
wird es gewiß nicht versäumen, neue und wunderbare Äußerungen
des "Genius der Frau" festzustellen.
12. Ihr seht also, liebe Schwestern, wie viele Beweggründe die
Kirche für ihren Wunsch hat, daß auf der bevorstehenden, von
den Vereinten Nationen in Peking ausgerichteten Konferenz die volle Wahrheit
über die Frau zutage treten möge. Man möge wirklich den
"Genius der Frau" gebührend hervorheben, indem nicht nur die großen
und berühmten Frauen der Vergangenheit oder unserer Zeit berücksichtigt
werden, sondern auch jene einfachen Frauen, die ihr Talent als Frau in
der Nomalität des Alltags im Dienst an den anderen zum Ausdruck bringen.
Denn besonders in ihrer Hingabe an die anderen im tagtäglichen Leben
begreift die Frau die tiefe Berufung ihres Lebens, sie, die vielleicht
noch mehr als der Mann den Menschen sieht, weil sie ihn mit dem Herzen
sieht. Sie sieht ihn unabhängig von den verschiedenen ideologischen
oder politischen Systemen. Sie sieht ihn in seiner Größe und
in seinen Grenzen und versucht, ihm entgegenzukommen und ihm eine Hilfe
zu sein. Auf diese Weise verwirklicht sich in der Geschichte der Menschheit
der grundlegende Plan des Schöpfers und tritt in der Vielfalt der
Berufe und Berufungen unaufhörlich die - nicht nur physische, sondern
vor allem geistige - Schönheit zutage, mit der Gott von Anfang an
die menschliche Kreatur und im besonderen die Frau beschenkt hat.
Während ich dem Herrn im Gebet den guten Ausgang der wichtigen
Tagung von Peking anvertraue, lade ich die Gemeinschaft der Kirche ein,
das laufende Jahr zum Anlaß zu nehmen für eine aufrichtige Danksagung
an den Schöpfer und Erlöser der Welt für das Geschenk eines
so großen Gutes, wie es das Frausein ist: es gehört in seinen
vielfältigen Ausdrucksformen zum grundlegenden Erbe der Menschheit
und der Kirche.
Maria, Königin der Liebe, wache über die Frauen und über
ihre Sendung im Dienst an der Menschheit, am Frieden und an der Ausbreitung
des Reiches Gottes!
Mit meinem Segen.
Aus dem Vatikan, am 29. Juni 1995, dem Hochfest der Apostel Petrus und
Paulus.
Dem Netz zur Verfügung gestellt durch Christoph
Overkott und Michael
Olteanu.