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Bellarmino Bagatti ofm (1905-1990)


Fr. BagattiAllen, die das hl. Land lieben, besuchen und erforschen, wird die Nachricht vom Heimgang eines ihren großen Vorgängers und Vorbilds sehr nahegehen. Seinen Namen, P. Bellarmino (Camillo) Bagatti, haben die Wissenschaftler, vor allem jene, die sich mit den Anfängen des Christentums im hl. Land befassen, aus seinen vielen Veröffentlichun-gen kennengelernt, und die einfachen Pilger haben ihn aus dem Mund ihrer Führer beim Besuch der Mehrzahl der neutestamentlichen Stätten hören können. Sein Name wird nun mit der Aufhellung der Geschichte der Entstehung und der kontinuierlichen Präsenz des Christentums in diesem Lande tief verbunden bleiben.
Am 7. Oktober 1990 ist er fast fünfundachzigjährig in der Krankenabteilung des Zentralklosters der franziskanischen Kustodie des hl. Landes in Jerusalem gestorben. Dort hat er nach einem Schlaganfall die letzten sechs Jahre verbracht, zunächst gehe-behindert dann an den Rollstuhl gebunden. Die Hochschätzung und Zuneigung, die er wegen seiner großen Menschlichkeit, tiefer Religiösität und wissenschaftlicher Offen-heit und Kompetenz weit und breit genoß, kam durch die Teilnehmerzahl an seiner Beerdi-gung zutage. Geleitet wurde sie durch den emeritierten Jerusalemer Patriarchen Mons. Giacomo Beltritti; anwesend waren Repräsentanten und Angehörige der lokalen Kirchen-gemeinschaften, vor allem viele Ordensleute, Verträter verschiedener bibelwissenschaftli-cher und archäologi-scher Institute, persönliche Freunde, Araber und Israelis - eine Tatsache, die z. Z. mit einer besonderen Zeichenhaftigkeit geladen ist.
Seine florentinische Heimat hat den P. Bagatti von klein auf tief geprägt. Sie vermit-telte ihm sein Verständnis für die Kunst, seine Zuneigung zur Wissenschaft und seine große liebe für den Orden des hl. Franziskus, in den er mit 17 Jahren eintrat. Nach dem Abschluß des theologischen Studiums und der Priesterweihe, promovierte er am Päpst-lichen Institut für christliche Archäologie in Rom mit einer Dissertation über urchri-stliche Gräber in den Katakomben der Commodilla oder der Märtyrer Felix und Adauctus. Damit war er wissenschaftlich ausgerüstet, um seine nächste Aufgabe zu übernehmen: als Pro-fessor für christliche Archäologie und Topographie Jerusalems am Studium Biblicum Franciscanum, dem Bibelinstitut des Franziskanerordens in Jerusalem. Zusammen mit einem deutschstämmigen Amerikaner, P. Sylvester Saller, begründete er 1941 die wissen-schaftli-che Reihe “Collectio Maior” desselben Instituts, in der die Berichte von den Ausgrabungen des Instituts an biblischen und urchristli-chen Stätten erschienen. 1951 leitete er, zusammen mit P. Donato Baldi, auch die wis-senschaftliche Zeitschrift des Instituts “Liber Annuus”, die in der Form eines Jahrbuchs erscheint und Beiträge vor allem zur neutestamentlichen und urchristlichen Arcäologie im Hl. Land, aber auch zu anderen bibelwissenschaftlichen Disziplinen veröffentlicht. Von entscheidender Bedeu-tung für das Institut waren die Jahre seines Rektorats (1968-1978), als Studienprogramme erweitert und neue Iniziativen eingeleitet wurden, und die Zahl sowohl der Studenten als auch der Professoren stark anstieg.
Als Teil seiner didaktischen Tätigkeit sind vor allem seine Führungen für die Studen-ten durch Jerusalem und Umgebung, aber auch quer durch das Land bekannt geblieben. Er selber durchquerte das Land mehrmals, meist zu Fuß und mit Vorliebe abseits aller gewöhnlichen Wege, auf der Suche nach den Spuren der Vergangenheit, sei es in der Form der archäologischen Überreste oder der mündlichen Überlieferun-gen. Aus dieser Pionierforschung, integriert durch das Studium der schon vorhandenen Literatur, ent-wuchs eine Serie der Artikel über christliche Überreste in den Dörfern des Landes, später gesammelt und neuaufgelegt in drei Bänden, aufgeteilt auf Galilä, Samarien und Judäa.
Sein Hauptbeitrag bleibt eindeutig seine primäre archäologische Tätigkeit als Leiter zahlreicher Ausgrabungen, zunächst in Rom im Friedhof der Commodilla (1933-34), dann im Hl. Land: die byzantinische Kapelle der Seligpreisungen in Tabgha (1936), der Komplex der Visitationskirche in Ain Karem (1938), “Emmaus”-El Qubeibeh (1940-44), Betlehem (1948), “Dominus Flevit” am Ölberg in Jerusalem (1953-55), Nazaret (1954-71), der Berg Karmel (1960-61), ebenfalls in Transjordanien: der Berg Nebo-Siyagha (1935) und mehrmals die Stadt Nebo-Mukhayyat.
Er leiß es aber in seinem archäologischen Werk nie allein mit der aufregenden und interessanten Hälfte bewenden, nämlich den Ausgrabungen selbst, wie das oft und vor allem mit den berühmten biblischen Archäologen der Fall war, sondern unterzog sich selbst dem nachträglichen Studium am Schreibtisch bis hin zur endgültigen wissenschaft-lichen Veröffentlichung der Befunde.
Seinem Interesse am Tempel von Jerusalem und unmittelbarer Umgebung, wo sich auch das Institut befindet, an dem er die Topographie Jerusalems lehrte, entsprangen zwei wichtige Artikel über dasselbe Thema, später ebenfalls neuaufgelegt in Buchform.
Als Herausgeber der Neuausgaben stellte er der heutigen Leserschaft mehrere unbekannte oder schwer zugängliche Werke über Palästinologie (Pilgerberichte und Illustrationen der Heiligtümer und Denkmäler) aus dem 14., 16., 17. und 18. Jhdt. zur Verfügung und besorgte Einleitungen und Anmerkungen.
Auf dem Gebiet der neutestamentlichen und frühchristlichen Archäologie und Landeskenntnis war er ein gesuchter Berater und Bearbeiter bei vielen enzyklopä-dischen Werken von internationaler Bedeutung.
Sein wissenschaftliches Hauptinteresse war stäts den Anfängen des Christentums im Land Jesu gewidmet. Ihm diente seine ganze archäologische Tätigkeit im Sinne der Erforschung der konkreten Bedingtheiten und Hinterlassenschaften dieser Zeit. Die archäologische Untersuchung an jenen Stätten, die durch wissenschaftlich fundierte An-nahme oder auch durch bloße traditionelle Frömmigkeit mit neutestamentlichen Erinne-rungen in Verbindung gebracht waren, diente diesem Zweck. Doch nie im Sinne einer postulierten und gesuchten “Legitimierung” der traditionellen christlichen Heiligtü-mer, sondern immer mit intellektueller Offenheit. Das ging so weit, daß er - wie er selber oft erzählte - nur schweren Herzens einen an sich so lockenden Angebot annahm, wie die Umgebung der Verkündigungskirche in Nazaret auszugraben, weil er nicht geglaubt hat, daß etwas Bedeutendes aus der Zeit vor Kreuzfahrern wird dort zu finden sein. Oder als er druch Jahrzehnte hartnäckig gegen die Behauptungen wichtigster Spezialisten für die Archäologie Jerusalems seine Schüler lehrte, daß der berühmte Steinpflaster, der sich teils im Hof des Insituts befindet, in dem er lehrte, nichts weder mit der Burg Antonia noch mit dem neutestamentlichen “Lithostrotos” zu tun hat - eine Meinung, die heute das Allgemeingut der Archäologen ist. Seine Arbeiten sind nun grundlegend geworden für ein fundiertes Urteil über die Geschichte solcher Stätten. Dabei hütete er sich stets davor, Geschichte und traditionelle Frömmigkeit zu vermengen oder zuzulassen, daß sich sich voneinander stören lassen.
Eine persönliche Intuition brachte ihn auf noch einen anderen Weg, auf welchem, neben der Archäologie, den Spuren der urchristlichen Gemeinschaft nachgegangen wer-den kann, nämlich das Studium der ersten Patristik und vor allem der uralten apokryphen Literatur. Obwohl er für eine solche Aufgabe nicht besonders vorgeschult war, leistete er auch auf diesem Gebiet einige Pionierarbeit, vor allem in einer Zeit, da die apokryphe Literatur nicht nur belächelt wurde, sondern die Beschäftigung damit einen doktrinären Verdacht auslösen konnte. Er vermutete zurecht, daß darin viele Erinnerungen nicht nur an urchristliche symbolische Theologie, sondern selbst auf konkrete Begebenheiten im hl. Land bewahrt sind; man muß nur das richtige herme-neutische Schlüssel erarbeiten, um sie herauslesen zu können. Seine Funde und Einsichten stellte Bagatti vornämlich in zwei aufeinander bezogenen Bänden über die lokalen urchristlichen Gemeinschaften jüdischer und heidnischer Herkunft vor. Als ihm der zunehmende Alter es unmöglich machte, sich der Mühen und Härten der Ausgra-bungen auszusetzen, verfolgte er dieses seine wissenschaftliche Hauptinteresse immer mehr durch die Erforschung der Geschichte der christlichen Ikonographie.
Es ist beeindrückend zu notieren, daß Bagattis veröffentlichte Bibliographie - neben seiner stätigen archäologischer Feldarbeit und alljährlichem Unterricht - dreiundzwanzig Monographien und mehr als zweihundert Artikel umfaßt! Die Schätzung dieser Arbeit kam in einigen wissenschaftlichen Auszeichnungen zum Ausdruck: er wurde zum korrespondierenden Mitglied der Päpstlichen Kommission für die sakrale Archäo-logie (1977), korrespondierenden Mitglied der Päpstlichen Römischen archäologischen Akademie (1979), korrespondierenden Mitglied der Päpstlichen römischen theologi-schen Akademie (1982) ernannt.
Neben all der wissenschaftlichen und akademischen Tätigkeit fand Bagatti noch Zeit für andere Aktivitäten und Iniziativen. Er nahm sich die biblisch-theologische Fortbildung zu Herzen: für die große Zahl des italienisch sprechenden Klerus und der Ordensleute organisierte er in Jerusalem jährlich einen entsprechenden einwöchingen Kurs. Gerne hielt er Vorträge für besonders interessierte Pilgergruppen. Am meisten aber hat seine menschliche und religiöse Persönlichkeit diejenigen tief beeindruckt, die ihn näher kennengelernt hatten und mit ihm im Kontakt standen. Das konnten namhafte Gelehrte sein (z.B. M. Noth, W. F. Albright), oder seine Studenten, denen er sein Wissen, selbst seine unveröffentlichten Forschungarbeiten freizügig zur Verfügung stellte und die er stets ermunterte und mit seinem Rat begleitete, bis hin zu jenen die bei ihm gleistlichen Rat und Führung suchten: von den höchsten Amts-trägern der kirchlichen Hierarchie bis zu einfachen anonymen Seelen. In Jerusalem war er nicht nur eine wissenschaftliche Autorität, sondern auch ein geistlicher Vater, ein biblischer Patriarch.


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Created/updated: Thursday, December 6, 2001 by John Abela ofm
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