Der Speigel
August 16, 2004
Noch einmal ist der Generalangriff auf den radikalen Schiitenführer Al-Sadr aufgeschoben worden. Doch der Belagerungsring um die Altstadt und die heilige Imam-Ali-Moschee in Nadschaf wird enger gezogen. Der Sturm kann jeden Augenblick losgehen - mit unvorhersehbaren Folgen.
Rebellen in Nadschaf: Zehntausende todesbereite schiitischen Jugendliche
In einem
Fernschreiben hat das irakische Innenministerium die verschiedenen Sicherheitskräfte angewiesen, dafür zu sorgen, dass sämtliche
irakische und auslä ndische Journalisten Nadschaf "umgehend" verlassen. Der Fernsehsender "Al-Arabiya", offizieller Standort Dubai, strahlte das
Geheimdokument nur Minuten später mit einem provozierend-genüsslichen Kommentar aus - ein deutliches Indiz für die mangelnde
Loyalität staatlicher Geheimdienstträger.
Generalmajor Ghalib Al-Dschasa'iri, Polizeipräsident in der heiligen Stadt
Nadschaf, ging denn auch gleich aufs Ganze und rechtfertigte den Rauswurf der Presse mit der erstaunlich detaillierten Erkenntnis, dass "unbekannte
Terroristen" ein mit 250 Kilogramm Sprengstoff beladenes Auto gegen die, womöglich uneinsichtigen, Zeitungs-, Fernseh- und Rundfunkreporter zum
Einsatz bringen wollten.
Gleichzeitig rückten die nur Stunden zuvor sieben Kilometer vom Stadtzentrum fortgerollten amerikanischen
Panzer - ohne Aufsehen erregende Vorankündigung, versteht sich - wieder dicht an den historischen Kern der Schiitenmetropole vor, während
Marines, hier und da von Hundertschaften der neu aus dem Boden gestampften neuen irakischen Armee und Republikanischen Garde unterstützt, den
gestern Nacht aufgegebenen Belagerungsring wieder schlossen. US-Hubschrauber kreisten wieder über der goldenen Kuppel der Imam-Ali-Moschee, in der
sich der radikale Schiitenprediger Muktada Al-Sadr mit seinen nur leicht bewaffneten Milizionären der "Armee des Mahdi" seit Tagen verschanzt.
Den ganzen Tag über hatten Sanitätsfahrzeuge Medikamente und medizinische Ausrüstungen aus Bagdad angeliefert. Kurz vor der
Abenddämmerung, das Thermometer war auf 37 Grad gesunken, ließen die zahlreichen Polizeisperren niemanden mehr durch. Der Sturm auf Nadschaf
kann jeden Augenblick losbrechen.
Präsident Ghasi Adschil al-Jawir (2.v.l.) und Premierminister Ijad Alawi (r.) bei der Nationalkonferenz: "Die
armseligen terroristischen Kräfte vernichten"
Premierminister Ijad Alawi hatte am Vormittag die
Bevölkerung auf einen erneuten harten Schlagabtausch mit dem kampfwütigen Heißsporn in gutem Hocharabisch vorbereitet: "Wir werden die
armseligen terroristischen Kräfte ebenso vernichten wie die Diktatur".
Dabei hatte Alawi mehr Geduld als alle anderen
Entscheidungsträger, mehr auch als die Amerikaner, in Bagdad aufgebracht, um mit Muktada Al-Sadr noch in letzter Minute eine politische Lösung
auszuhandeln. Doch angesichts der Hartnäckigkeit des frömmelnden Haudegens mit dem schwarzen Turban, der nach wie vor den Rücktritt der
Interimsregierung verlangte, gab er dann doch auf.
Doch der in Bagdad heute zusammengetretene Nationalkongress, zu dem 1300 Vertreter aller
Volksgruppen, Konfessionen und Provinzen eingeladen waren - immerhin waren über 1000 trotz oft gefährlicher Anreisemodalitäten in Saddam
Husseins protzigem Kongreßzentrum erschienen - , legte sich quer. Statt sofort die Bildung einer 100-köpfigen provisorischen
"Nationalversammlung" und die komplizierte Vorbereitung der auf Januar 2005 anberaumten allgemeinen Wahlen zu diskutieren, verbrachten die Delegierten
den ganzen Vormittag mit der Bildung eines Sonderausschusses, der zwischen der Regierung und den rebellischen Sadr-Schiiten vermitteln soll. Der
für diesen Abend geplante Angriff kam somit vorerst zum Stoppen.
Muktada steckte inzwischen in einigen Punkten zurück. Er
verlangt nicht mehr den Rücktritt der Regierung, weigert sich aber, seine 10.000 Mann starke Mahdi-Miliz aufzulösen. Sie sollten ihre Waffen
zur persönlichen Selbstverteidigung zuhause aufbewahren. Sein Vorschlag, die heiligen Stätten in Nadschaf sollten künftig nicht von
Armee und Polizei, sondern von einer religiösen Sondertruppe unter Aufsicht der schiitischen Geistlichkeit beschützt werden, stößt
allmählich auf Gegenliebe. "Das wäre doch so etwas wie die Schweizergarde im Vatikan", befand ein Sprecher des einflussreichen sunnitischen
"Obersten Rates der Islamischen Schriftgelehrten", dessen Mitglieder den Nationalkongress boykottieren. Und mit ihnen fast 90 Prozent der sunnitischen
Araber des Irak, immerhin gute sechs Millionen Bürger.
Sollten die nächtliche Kompromisssuche in Nadschaf scheitern, wird ein
zweiter, wahrscheinlich letzter Rundumschlag anbefohlen, der nach Einschätzung gut informierter ausländischer Diplomaten einen hohen Blutzoll
erfordern wird. Al-Sadr hat zwar militärisch keine Chance, doch allein in den vergangenen 24 Stunden erhielt er Zulauf von über 11.000
todesbereiten schiitischen Jugendlichen, die aus dem Südirak angereist sind.
Demonstranten in Nadschaf: Militärisch ohne
Chance
Ein Gemetzel scheint programmiert. Die Auswirkungen wären verheerend. Der politische Fahrplan
ließe sich nicht mehr einhalten, die Sicherheitslage unhaltbar. Das dann zu rächende viele Blut wür de nur wenige Schiitenseelen
kaltlassen. Denn in eben dieser Imam-Ali-Moschee liegt der Prophetenschwager und Konfessionsgründer Ali Ibn Ali Talib begraben, den
frühislamische Eiferer dort beim Gebet begraben hatten. Eine Symbolik, die dem jungen Muktada Al-Sadr sehr wohl bekannt.
Angesichts
solch schlimmer Visionen schlug ein Mitglied des Nationalkongresses vor, die irakische Fahne zu ändern: Die im weißen Mittelfeld der
rot-weiß-schwarzen Trikolore von Saddam Hussein 1991 verfügte und auch heute gültige fromme Floskel "Allahu Akbar" ("Gott ist
groß") solle durch die dem arabischen Alltagsleben entnommene Redewendung "Allahu jastur" ersetzt werden. In freier Übersetzung hieße
die neue Staatsparole dann soviel wie "Gott möge uns beschützen".